«Das ganze leben»

... ist der Wahlspruch, der unser Logo begleitet und der sich, je nach Lesart, anders verstehen lässt. Wir wollen Mut machen, «das Ganze (Leben zu) leben». Denn wir sind der Überzeugung, dass auch der letzte Abschnitt des Lebens zum Menschsein gehört und eine Persönlichkeit weiter reifen lässt. Viele Ehrenamtliche mit Erfahrung bestätigen diesen Effekt: Hospizarbeit ist Lebensschule für alle Beteiligten. Wer hier einbezogen ist, Begleiter wie auch Angehörige, lernt Abschiede zu verarbeiten und das eigene Leben intensiver und bewusster zu leben.

     Der Satz spiegelt gleichzeitig die Breite des geplanten Angebots wider: Im Hospiz Zentralschweiz soll «das ganze Leben» Platz haben, Freude ebenso wie Trauer, die auch der Sterbende zu bewältigen hat; Zorn, Hilflosigkeit und Angst. Wir wollen dem etwas entgegensetzen: Sicherheit, Geborgenheit, Gehörtwerden, medizinisch-pflegerische wie auch seelisch-existenzielle Begleitung und Unterstützung, für den Bewohner wie auch seine Angehörigen. Alles, was für diesen Menschen dazu gehört, dass er sich heimisch und getragen fühlt – bis zu seinem treuen Begleiter auf vier Pfoten – soll in diesem Haus Platz haben.

schliessen

Rive-Neuve - Einen Traum verwirklicht

Ankunft in Blonay oberhalb von Vevey (VD) an einem goldenen Herbsttag. Die Aussicht ins Tal mit Blick auf den Genfer See und das Panorama der Alpen im Hintergrund bietet ein atemberaubend schönes, fast mystisches Bild: Über dem See liegen Nebelschwaden, über uns leuchtet eine immer noch wärmende Sonne durch die letzten Blätter der bunt gefärbten Bäume. Was für ein Tag!

Wir sind eine kleine Reisegruppe, die im Auftrag des Dachverbands Hospize Schweiz den Weg in die Romandie angetreten hat: Sibylle Jean-Petit-Matile als Vizepräsidentin und Hans Peter Stutz als Geschäftsleiter des im August 2015 neu gegründeten Verbandes haben sich aufgemacht, ein neues Mitglied anzuwerben; mit im Gepäck die Kommunikationsfrau, die nachher die Eindrücke in Worte fassen soll.

Rive-Neuve ist ein Haus mit Tradition, das erste Palliativzentrum, das 1988 in der Schweiz gegründet wurde und das einzige eigenständige Hospiz in der Romandie; ein wichtiger Partner also für den Dachverband der Schweizer Hospize. Auch hier haben sie klein angefangen, die Widerstände waren auch im Kanton Waadt gross und es brauchte einen langen Atem und die Überzeugung vieler privater Initianten, bis sie das erste Haus in Villeneuve beziehen und dort die Arbeit eines stationären Hospizes aufnehmen konnten.

Doch auch das ist schon lange Geschichte. 2012 erfolgte, nach 24 Jahren in Villeneuve, der Umzug in den flachen Glaspavillon, vor dem wir jetzt stehen. Ein Haus, das sie in allen Einzelheiten mit geplant haben: Nachdem ein Vorprojekt öffentlich ausgeschrieben war, begleiteten der Direktor und sein Team die Weiterentwicklung des Siegers bis zur Fertigstellung des Hauses in allen Details. Diese liebevolle Detailbesessenheit und Durchdachtheit – alles im Dienst an den Menschen, die hier ihr Leben zuende leben, aber auch im Dienst der vielen engagierten Mitarbeitenden – lässt uns nur noch staunen!

Der Direktor des Hauses, Monsieur Michel Pétermann, ist selbst zum Bahnhof gekommen, um uns abzuholen. Er ist es auch, der uns im Laufe des Tages in zwei Etappen durch das Haus führt, mit Hinweisen auf originelle Lösungen, auf Schwierigkeiten, auf die Tücken in der Gesetzeslage für den Bau von Spitälern und Feuerschutzbestimmungen. Was im Endeffekt entstanden ist, ist ein lichtdurchfluteter, moderner, sehr transparenter und offener und trotzdem überaus wohnlicher Bau, der seine Bewohner dennoch schützend umgibt. Hier kann man Gemeinschaft finden und leben, hat jederzeit den Bezug zur Aussenwelt und zur Natur und kann sich gleichwohl in seine Privatsphäre zurückziehen, wenn man das Bedürfnis dazu hat.

Betritt man das Gebäude, so öffnet sich der Blick direkt für zwei grosszügig gestaltete Bereiche: Durch eine Glasfront rechterhand erhascht man einen Blick auf das Grossraumbüro, in dem an langen Pultreihen rund 12 Mitarbeitende einen Arbeitsplatz finden: die Pflegedienstleitung ebenso wie die Organisatorin der Freiwilligen, die Ärzte oder der Seelsorger; alle immer im direkten Kontakt miteinander. Dies ist das Denk- und Organisationszentrum des Hauses. Hier hat auch der Direktor ein kleines Büro für sich, dessen Tür selbstverständlich offen steht. In seiner direkten Nachbarschaft sitzen die Herren vom Controlling.

Der zweite Blick vom Eingang geht direkt auf den Aufenthalts- und Essraum, der sich im Sommer zu einer grossen Terrasse mit Seeblick öffnet. Auf dem Weg dorthin fällt der Blick auf den Sonnenstrahlen erfassten Schwemmholztisch mit dem Gedenkbuch des Hauses. Hier werden alle Menschen verzeichnet, die im Rive-Neuve bis zum Ende liebevoll begleitet worden sind. "né(e) en ciel..." ist die poetische Formulierung, mit der die Sterbedaten jedes Einzelnen verzeichnet werden.  

Im Essraum, dem Begegnungszentrum des Hauses, sind die Tische bereits liebevoll gedeckt, mit farbigen Tischtüchern und Blumenschmuck, der wöchentlich von einer Freiwilligen gesteckt wird. An einer Theke auf der Seite kann sich jeder Gast mit Kaffee und Getränken bedienen, grundsätzlich kostenlos. Eine mit Sparschwein-Klebern gekennzeichnete Schublade unter der Kaffeemaschine lädt diejenigen ein, etwas zu geben, die sich das leisten können und wollen. „Wir haben damit immer gute Erfahrungen gemacht", berichtet Direktor Pétermann mit einem verschmitzten Lächeln. „Wir nehmen auf diese Art viel mehr Geld ein als wenn jeder Kaffee einzeln gezahlt würde!" Dieses Prinzip der Freiwilligkeit und der Solidarität – diejenigen, die gut betucht sind, unterstützen jene mit weniger Geld – zieht sich übrigens als Konzept durch das gesamte Business: Alle Patienten zahlen hier, obwohl wie Privatpatienten ausschliesslich in Einzelzimmern untergebracht, den allgemeinen Spitaltarif für ihren Aufenthalt. „Aber ich mache jeden Patienten bei seinem Eintritt auch darauf aufmerksam, dass unser Angebot auf diese Art allein nicht finanzierbar ist", so Pétermann. Und hat die Erfahrung gemacht, dass die besser Begüterten sehr gern freiwillig eine Spende oder ein Legat verfügen, das das Haus unterstützt. So funktioniert Solidarität auf freiwilliger Basis!

Im Eingangsbereich zum Essbereich steht die Tafel mit dem Menu des Tages. „Bei uns ist es wie zuhause – es gibt pro Tag nur ein Gericht", erklärt uns der Direktor. Bewohner, die nicht mehr mobil sind oder für sich sein möchten, erhalten ihr Menu oder die daraus gewählte Auswahl aufs Zimmer. Die übrigen finden sich zum Essen in diesem lichtdurchfluteten Raum ein und geniessen neben schmackhaften Mahlzeiten – hier wird alles frisch zubereitet – Begegnungen und Gespräche. Für Geselligkeit sorgt das Prinzip, dass auch die Pflegekräfte und Freiwilligen an den Mahlzeiten teilnehmen. Sie verteilen sich so an den Tischen, dass sicher kein Bewohner allein bleibt. Man spürt während des Essens, zu dem auch wir eingeladen sind, die herzliche Atmosphäre: Hier steht echtes menschliches Interesse im Vordergrund. Gleichwohl erkennt Pétermann seinen Mitarbeitern dieses Essen als Arbeitszeit an.

Die Küche ist aufwändig eingerichtet und mit einer beachtlichen Anzahl an Mitarbeitenden bestückt. Sie sorgen nicht nur für die hohe Qualität der Mahlzeiten, sondern auch für die Erfüllung kleiner persönlicher Wünsche: Da die Küchenchefs jeden Patienten mindestens einmal persönlich aufgesucht haben, wissen um dessen Wünsche und Vorlieben. Wo immer möglich, tragen sie dem Rechnung, ohne dabei in die Beliebigkeit eines Restaurantbetriebs zu verfallen.

Nach dem Essen besichtigen wir den Rest des Hauses. Zuerst führt uns Direktor Pétermann in den geschützten Bereich der Patientenzimmer. Sie liegen hinter dem Grossraumbüro, zehn Zimmer im Parterre, zehn weitere im Untergeschoss dieses in den Hang gebauten Gebäudes. Die Zimmer tragen zur Ordnung keine Nummern, sondern die alphabetisch sortierten Namen von Bergen im oberen und von Bäumen im unteren Stock. Eines davon, das derzeit nicht bewohnt ist, dürfen wir auch von innen besichtigen. Die Einrichtung ist übersichtlich: ein Pflegebett aus Holz, das aussieht wie ein normales Bett zuhause, ein Nachttisch, ein Tisch und ein Sessel. Das war’s eigentlich schon. Alles, was dieses Zimmer „spitaltauglich" macht – der Zugang zu Sauerstoff zum Beispiel – ist hinter der Wandverkleidung verborgen. Pétermann lenkt unseren Blick auf die offene Betondecke: Über dem Sichtfeld des Patienten sowie über dem Tisch sind die Abdrücke von Blättern verschiedener Bäume erkennbar. „Ich habe mal nach einem Unfall mehrere Wochen in einem Spital verbringen müssen. Die weisse Decke über mir hat mich fast verrückt gemacht", erklärt Pétermann den Ursprung dieser kleinen, liebevollen Besonderheit.

Er zeigt uns anschliessend die weiteren Aufenthaltsräume auf diesem Stock: eine gemütliche Sitzecke, in der auch Spielsachen für Kinder zu finden sind. Hier ist also tatsächlich Platz für das ganze Leben! Angrenzend an ein grosses Kaminzimmer befindet sich hinter einem grossen Aquarium, das halbhoch in die Wand eingelassen ist, ein kleines Fumoir. Es mache keinen Sinn, Menschen auf dem letzten Lebensweg noch zu zwingen, das Rauchen aufzugeben. Diese Lösung ermöglicht es den Bewohnern, für sich und doch bei Bedarf sichtbar zu bleiben – zu ihrem eigenen Schutz, denn durch das Aquarium können sich Pflegende diskret einen Überblick verschaffen, ob noch alles in Ordnung ist.

Wir verlassen den oberen Stock und erkunden das untere Geschoss. Hier befindet sich das Zentrum des Pflegepersonals, ein Raum, in dem es summt wie in einem Bienenschwarm: zwei Ärzte, die gerade im Haus sind, sprechen sich miteinander ab, ebenso wie die Pflegekräfte. In direkter Nachbarschaft und nur so zugänglich befindet sich eine reichhaltig ausgestattete Apotheke; es ist klar, dass sie ein wichtiges Element der guten palliativen Versorgung von Patienten am Lebensende darstellt.

Im Untergeschoss befindet sich auch "Le Coeur", der interkonfessionell gehaltene Raum der Stille, in dem Bewohner wie auch Mitarbeitende allein oder in Gemeinschaft Kraft schöpfen können. Auch das Angebot einer Art Trocken-Jacuzzi ist für Entspannung gedacht und wird von Patienten besonders in der Nacht sehr geschätzt: Man liegt auf einer Folie, die in warmes Wasser abgesenkt wird und kann sich dann bei Lichtspiel und sanfter Musik ganz trocken von dem angewärmten Wasser tragen lassen.

Weitere wichtige Räume im Untergeschoss sind die hauseigene Bibliothek, die mit schöngeistiger wie fachlicher Literatur und einer grossen Auswahl an DVDs aus verschiedenen Genres bestückt ist, sowie ein Schulungsraum, der sich dank seines geschickt durchdachten Mobiliars ebenfalls vielseitig nutzen lässt. Wie überall im Haus hat man das Gefühl, dass hier jedes Detail in hoher Qualität und mit Bedacht ausgewählt worden ist.

Von diesem Punkt aus gelangen wir ebenerdig in den Garten mit Kieswegen. Die Kiesel sind in einem besonderen Verfahren so verklebt, dass man hindernisfrei darüber laufen und fahren kann. Auch hier hat also jemand an alles gedacht, denn sowohl Rollatoren als auch Menschen mit motorischen Einschränkungen bewegen sich hier ohne Beeinträchtigung! – Wir gehen um das Haus herum, an ein paar üppig bepflanzten Hochbeeten vorbei und gelangen wieder auf den Balkon vor dem Essbereich.

Der Rundgang ist abgeschlossen. Schon während des Mittagessens, das wir mit mehreren Vertretern des multiprofessionellen Teams einnehmen, wurde über den Dachverband und einen möglichen Beitritt diskutiert. Auch hier beeindruckt uns die Offenheit – wie das Haus sind die Mitarbeitenden hier auch im Geist offen und beweglich. Obwohl eigentlich der Begriff „hospice" in der französischen Verwendung nicht im Sprachgebrauch ist, beharren die Mitarbeiter von Rive-Neuve nicht auf einem anderen Begriff. „Wir werden eine Lösung dafür finden! Es ist wichtig, dass der Name des Dachverbands in allen Sprachen einigermassen gleich funktioniert", so die einhellige Meinung.

Gegen 14 Uhr bringt uns Michel Pétermann zurück nach Vevey. Begeistert, randvoll mit Informationen und Bildern und tief beeindruckt von diesem durchdachten, lebendigen Haus tritt die Zentralschweizer Delegation die Heimreise an. Hier sind wir nicht das letzte Mal gewesen!

Kleiner Nachtrag: Seit Anfang Dezember 2015 ist Rive-Neuve das elfte Mitglied des Dachverbands Hospize Schweiz.